„Psychose“ ist ein Oberbegriff von höchst unterschiedlichen
Störungen. Das wird deutlich am unterschiedlichen Erleben und wird
vermittelt von verschiedenen Sprachbildern.
(Quelle: T. Bock, StimmenReich 2007, Psychatrieverlag)
Ein kleiner Junge, brav und unauffällig, hängt am Rockzipfel
der großen Schwester. Die Eltern haben wenig Zeit. Die Schwester
wird psychotisch, kommt in eine psychiatrische Klinik. Der kleine
Junge bekommt hautnah mit, was dort passiert, hat große Angst
um die Schwester, aber auch um sich selbst. Er rettet sich auf die
Seite der Ordnung, ringt um Distanz zur Schwester, will nicht so werden
wie sie. Er geht unauffällig durch Schule und Pubertät,
verpflichtet sich auf lange Zeit bei der Bundeswehr, wird Kompanieführer,
macht eine Spezialausbildung, heiratet früh, wird bald
Vater. Doch die Ordnung lässt sich nicht halten.
Nach Ablauf der Verpflichtung kann er trotz Qualifikation nicht auf
Dauer übernommen werden. Trotz erheblicher Anstrengungen fällt
es ihm schwer, auf Dauer in einem anderen Beruf Fuß zu fassen.
Noch mehr verunsichert ihn, dass seine Tochter erwachsen wird, sich
ihm entfremdet. Er kann sich diese Entwicklung nicht anders als wahnhaft
erklären, glaubt, dass sie durch Drogen manipuliert wird, bis
er schließlich überall weiße Päckchen sieht
und Tochter wie Ehefrau in die Flucht schlägt. Er hat Schulden,
verliert seine Wohnung. Ihm bleibt nur ein Kaninchen. Als es
krank wird, zieht er mit ihm in den Wald von Ludwigslust, von dem
er glaubt, dass ihn die Mafia noch nicht erreicht hat. Dort lebt er
über Monate, ohne eine Menschenseele zu sehen, ernährt sich
nur von den Früchten des Waldes.
Seither lebt Herr K. – manchmal nennt er sich auch „Pias”
– fast sieben Jahre auf der Straße, hat Depots in den Wäldern
rund um Hamburg. Sein Credo: “Der Mensch ist das einzige Lebewesen,
das von sich aus nicht in der Lage ist, artgerecht zu leben.”
Er versucht es dennoch, lebt naturverbunden, ohne Alkohol und Zigaretten.
Im permanenten Überlebenskampf profitiert er von seiner Ausbildung
bei der Bundeswehr. Besondere psychische Ängste erlauben ihm
nicht, sich lange in geschlossenen Räumen aufzuhalten, legen
ihm auch sonst viele Einschränkungen auf. In die Ambulanz, in
der ich arbeite, kommt er dennoch nicht, um etwas zu verändern
oder gar sich behandeln zu lassen, sondern nur, um sich zu wärmen,
mal unter Menschen zu sein, auch um zu essen und Kaffee zu trinken.
Vor etwa zwei Jahren wird dieser sehr zurückgezogen lebende harmlose
Mann kurz vor Weihnachten Opfer eines Überfalls. Ein Ordnungsfanatiker
aus besserer Wohngegend schlägt und tritt ihn zusammen, hetzt
seinen Hund auf ihn. Mit schwerer Beinverletzung will sich Herr K.
zu einem seiner Depots schleppen, bricht aber vorher zusammen. Die
eiskalte Nacht überlebt er nur wegen seiner besonderen Konstitution
und der vielfach geschichteten Kleidung. Am nächsten Morgen wird
er gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort hält er es zum
ersten Mal seit langem aus, in einem geschlossenen Raum zu sein und in einem gewöhnlichen
Bett zu liegen. Leider nur für wenige Tage: Wegen des bevorstehenden
Sylvesterabends müssen chirurgische Betten frei sein für Brandverletzte.
Herr K. kommt in die Psychiatrie – zum ersten Mal in seinem Leben.
Doch dort sind Überwachungskameras installiert, um Akutpatienten
beobachten zu können, ohne bei ihnen zu sein. Außerdem
kommt ihm eine etwas distanzlose Mitpatientin zu nahe. Er flieht,
ist völlig außer sich. Ich kann ihn auch in der Ambulanz
nicht halten, erfahre noch, dass “der Strom durch ihn durchgehe”.
Herr K. meint nicht (nur) die elektronische Überwachung, sondern – was ich erst jetzt erfahre – die Elektroschocks der Schwester.
Erst Wochen später sehe ich ihn wieder. Sein Bein ist zum Glück
auch so verheilt. Viel später erst traue ich mich, ihn zu fragen,
ob er einverstanden ist, dass die Hauptperson einer Jugendgeschichte nach seinem
Vorbild gestaltet wird. Er ist erstaunlich schnell einverstanden, scheint
zu ahnen, dass seine Geschichte gerade Jugendlichen viel zu sagen
hat und dass es darauf ankommt, Vorurteilen rechtzeitig zu begegnen.
Aus der gemeinsamen Arbeit entsteht das Jugendbuch „Pias lebt... gefährlich“ (balance – buch- und medienverlag). Gerd Kemmen wird Referent bei „Irre menschlich“, Hamburg
Übrig bleibt die Frage, ob die Psychiatrie, der Herr K. begegnet, seinem Kriterium des “artgerechten Lebens” gerecht wird, ob sie menschenwürdig ist. Außerdem wird deutlich, dass alles Bemühen um Behandlung – ob nun biologisch oder sozialpsychiatrisch motiviert – in Rechnung stellen muss, dass gerade Menschen mit Psychoseerfahrung eigensinnig ihren Weg gehen und dass gerade dieser Eigensinn eine sinnvolle Bewältigungsstrategie gegenüber dem (psychotischen) Gefühl der Fremdbestimmung sein kann. Übertragen heißt das dann auch, dass alle Überlegungen zu neuen Behandlungsmethoden nur Annäherungsversuche sein können. Wir müssen gleichzeitig Eigensinn und individuelle Bewältigungsstrategien anerkennen und unterstützen, wir müssen ihnen sozialen und kulturellen Raum lassen, ja diesen Raum u. U. erst einmal schaffen, indem wir den gängigen Vorurteilen entgegentreten.
