Verständnis von Psychosen
Wie können Bipolare Störungen verstanden werden?
Depressive und manische Phasen als Fenster zur
Seele
Stimmungsschwankungen kennt jeder – zwischen Morgen und Abend, Samstag
und Montag, Frühling und Herbst. Abhängig von Ereignissen und
vom Zeitverlauf unterscheiden wir Hochstimmungen und Niedergeschlagenheit.
Wäre es anders, die Welt und das Leben wären unvorstellbar langweilig.
Wer genau hinfühlt, weiß auch, dass glückliche Ereignisse
maßlos erschöpfen und unglückliche Ereignisse zur Flucht
nach vorn antreiben können. Darüber hinaus gehört es offenbar
zu unserer Grundausstattung als Menschen, dass wir zweifeln und dabei
auch verzweifeln, über uns hinaus denken und uns dabei auch
verlieren können. Insofern sind Bipolare Störungen unabhängig
von einer möglichen genetischen Disposition zutiefst menschlich.
Doch das Ausmaß der Schwankungen von Stimmung und Antrieb kann sehr
verschieden sein.
- Depression ist nicht gleich Trauer. Wer trauern kann
und dabei auch noch Trost findet, braucht nicht depressiv zu werden.
Wer depressiv wird, ist verzweifelt traurig. Er trauert und versucht
zugleich, dem Gram zu entkommen. Er flieht in Leere und Distanz von
sich selbst und nährt so die Verzweiflung. Depressionen sind voller
Leere, Verzweiflung und Einsamkeit. Sie vermitteln eine Unfähigkeit
zu trauern, sind zugleich aber auch ein Schutzmechanismus, eine Art
„Totstellreflex“ gegenüber subjektiv nicht auszuhaltenden
Gefühlen und unlösbaren Konflikten.
- Manie ist nicht gleich Glück. Wer wirklich
glücklich ist, wem das Leben glückt, der braucht nicht manisch
zu werden. Wer manisch wird, sucht das Glück, wo es schwer zu finden
ist, fern von der eigenen Mitte und zugleich den tragenden Beziehungen
enthoben. Die eigene Anstrengung geht dabei so sehr über alle Kräfte,
dass die anfängliche Euphorie bald überlagert wird von Umtriebigkeit
und Anspannung. In der Vermeidung von Angst und Verlorenheit wird die
Unruhe immer größer.
(„Es ist normal, verschieden zu sein“, 2007, zu bestellen über info@irremenschlich.de)
Konsequenz: In Depressionen und Manien erscheinen Menschen
(vor allem für die Angehörigen) sich selbst fremd und kommen
dennoch (im Rückblick) sich selbst auf die Spur: In Depressionen
werden sonst verdrängte Ängste und ungelöste Konflikte,
in Manien ungeahnte Wünsche, Bedürfnisse und manchmal auch Möglichkeiten
sichtbar. Es ist also nicht nur wichtig, ob jemand nach einer akuten Phase
wieder auftaucht oder landet, sondern auch wie er/sie es tun.
- Verlust des Zeitgefühls: Im Unterschied zu allgemeinen
Stimmungsschwankungen kann bei Bipolaren Störungen das Zeitgefühl
verloren gehen. Die Depression erscheint ewig und unausweichlich, war
immer so und wird immer so sein; entsprechend ist die Verzweiflung groß.
Die Manie wird erlebt als Quell unerschöpflicher Energien; entsprechend
werden Selbstüberschätzung und Risikoverhalten grenzenlos.
Die reale Phasenhaftigkeit der Erkrankung kann nicht wahrgenommen werden.
Konsequenz: Therapie muss das Kunststück schaffen,
Hoffnung zu vermitteln, ohne vordergründig zu beruhigen. Sie muss
das Gefühl für Zeit wiedergeben. Sehr selbstverständlich
gelingt das in Selbsthilfegruppen oder in speziellen Gruppentherapien:
Im anderen Patienten bleibt die Phase sichtbar, die man selbst gerade
ausblendet. Durch die Ausgestaltung der Polarität wird wieder mehr
Beweglichkeit möglich, mit einer Tendenz zur Mitte.
- Problem der Überanpassung: Bipolare Menschen
erscheinen bei genauerer Betrachtung nicht respektlos oder unverschämt,
sondern tendenziell sogar eher überangepasst. Während ihrer Sozialisation
haben sie gelernt, den Erwartungen anderer zu genügen und die Maßstäbe
anderer zu übernehmen, ohne sie zu hinterfragen. Sie können
sehr bemüht sein, es allen recht zu machen. Eigene Maßstäbe
sind möglicherweise wenig bewusst und Konfliktstrategien unterentwickelt.
Die Depression macht dieses Dilemma offensichtlich und kann es noch
zuspitzen. Die Manie erscheint als ein Ausbruchversuch in Richtung
Unkonventionalität, doch die Befreiung kann nicht wirklich innerlich
gefüllt werden und wird von der Erkrankung eingeholt.
Konsequenz: Gerade die Behandlung von Bipolaren Störungen
erfordert einen Umbau der Psychiatrie in Richtung strukturübergreifender
Kontinuität. Nicht nur im komplementären, auch im klinischen
Bereich gilt es, personenzentriert zu arbeiten. Derselbe Therapeut sollte
– unabhängig vom ambulanten oder (teil)stationären Behandlungsstatus –
zuständig sein. Aus subjektiver Sicht liegen beide Phasen ohnehin
näher beieinander, als man denkt.
- Bedeutung des Selbstwertgefühls: Menschen mit
Bipolaren Störungen haben eine Lebensgeschichte wie andere Menschen
auch. Ihre Phasen haben Anfang und Ende – mit oder ohne Behandlung.
Ihre Symptome haben eine Entwicklungsgeschichte – ebenso wie die zur
Verfügung stehenden Ressourcen und Bewältigungsstrategien.
Vielleicht hilft der etwas vereinfachende Vergleich mit Bankkonten:
Wer viel Geld auf dem Sparkonto hat, kann sein Girokonto überziehen,
ohne ins Schleudern zu geraten. Wer die Rücklagen
aufgebraucht hat, hat keinen Kredit mehr. Und wenn er überzieht,
muss er hohe Zinsen zahlen. Als Währung einzusetzen ist das Selbstwertgefühl.
Selbstverständlich wirken ich-stärkende Erfahrungen, liebevolle
Zuwendungen und selbstwertfördernde Ereignisse schützend und
das Gegenteil wirkt schädlich. Diese Wirkungen beschränken sich
nicht auf irgendeinen Lebensabschnitt und auch nicht auf die Zeit bis
zum Ausbruch der Erkrankung. Sie sind für die Behandlung relevant,
weshalb es erstaunlich ist, wie wenig es uns manchmal gelingt,
Kränkungen in und durch Behandlung zu vermeiden.
Konsequenz: Die primäre Aufgabe von Akut- und Langzeitbehandlung
ist es, neue Kränkungen zu vermeiden und alte verarbeiten zu helfen,
individuelle Ressourcen wahrzunehmen und einzubeziehen sowie familiäre/soziale
Ressourcen abzusichern und zu unterstützen.
- Wechselwirkungen: Doch offenbar gibt es Unterschiede in der Art, wie wir Selbstwertgefühl entwickeln oder verlieren:
Manche Menschen werden schneller nervös, wenn ihr Konto überzogen
ist, manche zocken erfolgreich. Der emotionale Akku kann sich schneller
oder langsamer leeren und füllen. Die Rückkopplung von sozialen
Wahrnehmungen, emotionaler Verarbeitung und Steuerung des Antriebs kann
mehr oder weniger direkt sein. Entsprechend wächst die Spannweite
der eigenen Emotionalität und die Anfälligkeit für ausgeprägte
Phasen. Bipolare Menschen sind nicht nur schneller gekränkt, sie
haben oder entwickeln auch eine hochsensible Wahrnehmung und reagieren
schneller mit ihrem gesamten Energiehaushalt.
Konsequenz: Die Behandlung muss für diese Wechselwirkungen
sensibilisieren, damit die Möglichkeit der Selbststeuerung gestärkt
wird.
- Ist jede schwere Depression potenziell bipolar? Im
Zusammenhang mit Bipolaren Störungen wird oft geklagt, die Zeit
bis zur „richtigen“ Diagnose dauere zu lange. Zu beachten
ist aber, dass Bipolarität eine Verlaufsdiagnose ist, d. h. sie
ist erst zu stellen, wenn beide Phasen ausreichend klar bekannt sind.
Das heißt aber auch, dass nahezu jede Depression bipolar werden
kann, eben dann, wenn die Flucht nach vorn unausweichlich wird. Welche
Persönlichkeits-, Umgebungs- oder Krankheitsfaktoren beim Umstieg
eine Rolle spielen, wäre spannend zu erfahren. Doch die absolute
Unterscheidung der unipolaren und bipolaren Störung verstellt oder
verkompliziert diese Frage.
Wichtiges Verstehen: Gerade die Behandlung von Bipolaren
Störungen erfordert einen Umbau der Psychiatrie in Richtung strukturübergreifender
Kontinuität. Nicht nur im komplementären, auch im klinischen
Bereich gilt es personenzentriert zu arbeiten. Derselbe Therapeut sollte
unabhängig vom ambulanten oder (teil)stationären Behandlungsstatus
zuständig sein. Aus subjektiver Sicht liegen beide Phasen ohnehin
näher beieinander, als man denkt.
Eigendynamik Bipolarer Störungen
Depression und Manie können sich durch eine mehr oder weniger krankheitstypische Eigendynamik verstärken – und zwar auf psychischer, sozialer und somatischer Ebene. Ähnliches mag für Psychosen auch gelten. Doch hier ist es besonders deutlich.
- Typische Denkmuster: Depressive Denkmuster führen
zu erheblichen Wahrnehmungsverzerrungen eigener und fremder Leistungen;
Misserfolge werden der eigenen Person, Erfolge anderen zugeschrieben.
Pläne führen fast zwangsläufig zum Scheitern. Das Vorwegnehmen
von Niederlagen täuscht Souveränität vor, führt
aber immer mehr in die Verzweiflung. In manischen Phasen wirken ähnliche
Verzerrungen in umgekehrte Richtung.
Konsequenz: Diesen Mechanismus gilt es umzukehren: Mit
Ausdauer und Gelassenheit sind erste therapeutische Schritte immer wieder
zu hinterfragen, bis sie so klein sind, dass der Erfolg unvermeidlich
wird. Hierbei ist die Beteiligung anderer Erfahrener im Gruppensetting
hilfreich.
- Soziale Wechselwirkungen: Bipolare Störungen
betreffen und belasten die nahen Angehörigen in hohem Maße.
Das gilt für Eltern und Geschwister sowie im Vergleich zu schizophrenen
Psychosen gehäuft auch für Partner und Kinder. Während
die Patienten zwischen Höhen und Tiefen hin- und hergerissen werden,
stehen insbesondere die Verwandten im Spannungsfeld von Nähe und
Distanz. Wie kann ich mich selbst schützen? Welchen Abstand brauche
ich, um meine eigene Liebe nicht zu gefährden? Welche Nähe
kann ich noch aushalten?
Konsequenz: Die Entlastung der Angehörigen (einzeln
oder in Gruppen) hat auch einen therapeutischen Effekt für die Patienten.
Die Arbeit mit bipolaren Patienten ohne die Berücksichtigung der
Angehörigen (separat oder gemeinsam) ist ein Kunstfehler.
- Somatische Eigendynamik: Dass der Hirnstoffwechsel
an extremen Stimmungsschwankungen beteiligt ist, ist unbestritten, denn
das gilt für alle Gefühlslagen und Handlungen. Allein erklären
kann er sie genauso wenig wie psychologische oder soziale Ursachen.
Inzwischen ist sogar belegt, dass die Veränderungen des Hirnstoffwechsels
nicht die Ursache, sondern eher die Folge von Entbehrungen und Frustrationen
sind, allerdings mit der möglichen Tendenz, die Sensibilität
für spätere Ereignisse zu erhöhen. Emotionale Belastungen
können bestimmte neuronale Verbindungen bahnen und andere vernachlässigen – möglicherweise mit Folgen für die künftigen Möglichkeiten
der Verarbeitung.
Konsequenz: Mit dem Konzept der „biologischen Narbe“
lassen sich medikamentöse Strategien besser begründen als mit
dem Bild der direkten Kausalität. Zugleich bleiben Patient und Therapeut
in der Pflicht, auch über komplexere Hintergründe sowie individuelle
und soziale Ressourcen nachzudenken. Kompliziert genug ist die Medikation
ohnehin: Antidepressiva wirken nicht immer und nicht sofort und können
das Risiko für den Wechsel in die Manie erhöhen. Stimmungsstabilisierer
und stimmungsstabilisierende Antipsychotika schützen nicht alle Betroffenen
vor Rückfällen und können Nebenwirkungen haben. Alle zusammen
haben also mit Akzeptanz- und Kooperationsproblemen zu kämpfen. Umso
wichtiger ist es, die Me-dikation in eine psychotherapeutische Gesamtkultur
einzubinden und zu integrieren.
- Wechselwirkungen: Die Unterscheidung zwischen endogenen,
exogenen und reaktiven Zuständen wurde aus gutem Grund aufgegeben;
in unterschiedlicher Gewichtung sind diese Faktoren immer vertreten.
Außerdem wissen wir inzwischen sehr viel mehr über ihre Wechselwirkungen:
Auch Psychotherapie beeinflusst viele wesentliche physiologische Variablen.
Selbst die Gene wirken nicht deterministisch, legen den Menschen nicht
fest, sondern unterliegen komplexen physiologischen Prozessen, reagieren
auch auf Umweltbedingungen und können in ihrer Wirksamkeit
durch Lebenskrisen „geweckt“ werden.
Konsequenz: Die Wechselwirkungen psychischer, sozialer
und somatischer Faktoren ist so komplex, dass sich Monotherapien kaum
noch begründen lassen.
(Quelle: T. Bock, Achterbahn der Gefühle, Balance – Buch und Medien Verlag)