(1) Allgemeine Verhaltensweisen
Der Umgang mit depressiven oder manischen Familienmitgliedern lässt
sich nicht von außen „regeln”. Dennoch verfügen
Angehörige inzwischen über einen Erfahrungsschatz, der sich
formulieren lässt. Es gibt keine Standardverhaltensweisen und deshalb
auch keine einfachen Ratschläge. Immer geht es um eine Gratwanderung
zwischen Nähe und Distanz, Eingreifen und Autonomie, Überpräsenz
und Vernachlässigung. Vor allem aber geht es um die Balance zwischen der Achtung für
die Bedürftigkeit des anderen und für die eigenen Grenzen.
(2) Überforderung vermeiden
Sie können nur so lange stützen, wie Sie selbst stabil bleiben.
Sie können nur hilfreich sein, wenn Sie auf die eigenen Grenzen achten
und Überforderung rechtzeitig merken und zu vermeiden suchen. Überforderung
verstärkt die emotionale Anspannung, die Schuldgefühle des anderen,
seine Aggression gegen sich oder andere und daraus folgend die Depression oder
Manie. Auch wenn es nicht so scheint, können Sie davon ausgehen,
dass Ihr Gegenüber feine Antennen für Sie und diesen Aspekt
der Überforderung hat. Die eigene Belastung nicht wahrhaben zu wollen,
macht Sie selbst krank und den Partner nicht gesünder.
(3) Kleine Schritte
In Depressionen können Initiative, Selbstvertrauen und Energie so
weit verloren gehen, dass auch einfache Dinge nicht mehr erledigt werden.
In der Regel ist es nicht so, dass depressive Menschen nur nicht wollen,
obwohl sie könnten, sondern sie können nicht wollen. Vordergründige
Ermunterung und Aufforderung, sich doch endlich zusammenzureißen,
gehen also am Problem vorbei. Die allgemeinen Maßstäbe sind
durch die Depression außer Kraft gesetzt. Versuchen Sie, Vorwürfe
zu vermeiden, und Anforderungen zurückzuschrauben. Auch wenn die
Trennung etwas künstlich klingt, geben Sie im Zweifel der Krankheit
die Schuld und nicht der Person. Beteiligen Sie Ihren Partner an Ihren
Aktivitäten, wenn es möglich ist, aber begnügen Sie sich
mit kleinen Schritten.
(4) Autonomie wahren
Wenn Ihr Gegenüber nichts mehr kann, ist es verführerisch, ihm
alles abzunehmen: Sie können es sowieso schneller. Und selbst machen
kostet weniger Nerven. Wenn der andere in der Manie aus Ihrer Sicht alles
falsch zu machen droht, liegt es erst recht nahe, rasch alles selbst in
die Hand zu nehmen. Wenn Sie zu schnell zu viel übernehmen, kann das
den depressiven oder manischen Prozess fördern. Denken Sie daran, dass
es immer auch darum geht, Autonomie zu wahren. Helfen Sie da, wo es Ihnen
selbst wirklich wichtig ist (z. B. Hygiene), und schreiten Sie da ein oder
holen sich Hilfe, wo es für Sie bedrohlich wird.
(5) Mitgefühl
Menschen in Depressionen brauchen vor allem emotionalen Beistand, Präsenz
und Mitgefühl. Mitleid zieht nach unten, Mitgefühl nach oben.
Doch nicht umsonst haben depressive Menschen eben dieses Fühlen aufgegeben.
Sie brauchen ein kleines Stück innere Unabhängigkeit, um das
Mitfühlen aushalten zu können. Sie können sicher sein,
dass Ihr Partner Ihren emotionalen Beistand spürt und schätzt,
aber Sie müssen damit rechnen, dass er das nicht äußern
und nicht so lebendig wie sonst erwidern kann. Vielleicht können
Sie die Durststrecke einseitiger Emotionalität besser aushalten,
wenn Sie sich an Zeiten erinnern, an denen das ansatzweise auch schon
mal umgekehrt war? Wenn es solche Zeiten gab, sollten Sie keine Scheu haben,
auch Ihren Partner daran zu erinnern.
(6) Wissen um zeitliche Begrenzung
Depressionen und Manien sind zeitlich befristet. Sie haben ein Anfang
und ein Ende, mit und ohne medikamentöser Hilfe. Das Problem ist
nur, dass das Zeitgefühl in depressiven und manischen Phasen deutlich
verändert ist. Ihrem Partner erscheint der momentane Zustand wider
besseren Wissens als ewig. Und das macht ihn verzweifelt oder beglückt.
Ihnen kann das Wissen um die zeitlichen Grenzen der Phasen Hoffnung und
Kraft geben. Nähren Sie dieses Wissen und lassen Sie es immer wieder
einfließen.
(7) Biographische Bedeutung
Depressionen haben bei aller körperlichen Eigendynamik immer auch
eine biografische Bedeutung, also auch eine Beziehungsgeschichte. In
jedem Leben gibt es Verletzungen, und in jeder Beziehung gibt es wechselseitige
Kränkungen, die bei einem sensiblen Menschen zu Depressionen oder
Manien beitragen können. Insofern sind Depressionen und Manien Fenster,
durch die zu schauen, sich lohnt. Häufig geht das erst im Anschluss
an die akute Phase und manchmal leichter mit Hilfe einer dritten Person.
(8) Umgang mit eigener Kränkung
Depressionen sind auch als nach innen gerichtete Aggressionen zu verstehen.
Auch wenn Sie gar nicht der eigentliche Adressat sind, werden Sie das
auf irgendeine Weise zu spüren bekommen. Aber auch sonst wirken Depressionen
kränkend: Das depressive Kind enttäuscht die Erwartungen, die
depressive Mutter belastet und macht Angst. Und der depressive Partner
verweigert den emotionalen Zugang. In Manien werden eigene Kränkungen
noch unmittelbarer spürbar. Ihr Partner kann verletzende Dinge sagen
oder tun, Ihr Kind oder Elternteil unverschämt auftrumpfen. Manchmal
hilft eine gewisse innere Distanzierung; aber versuchen Sie, darauf zu
achten, dass die Tür nicht allzu fest zuschlägt. Die akuten
Phasen sind keine gute Zeit für endgültige Entscheidungen. Das
Wissen, dass die ungewohnte Art Ihres Partners zur Krankheit gehört,
kann entlasten. Doch brauchen Sie an dieser Stelle eine aktive Unterstützung,
d. h. einen vertrauten Menschen, bei dem Sie sich aussprechen können.
Das kann ein Freund oder eine Freundin sein oder ersatzweise auch ein
Seelsorger oder Therapeut. Darüber hinaus finden Sie Entlastung bei
Angehörigengruppen.
(9) „Mal fünfe grade sein lassen”
Depressionen und Manien sind eine verbreitete Erscheinungen. Sie haben
viel mit überhöhten Erwartungen und Normen hinsichtlich Leistung,
Flexibilität, Attraktivität und ewiger Jugend zu tun. Menschen,
die zu Depressionen und Manien neigen, sind meist besonders anfällig
für den normativen Druck unserer Gesellschaft. Depressionen zwingen
den Betroffenen und seine Angehörigen, die üblichen Leistungsnormen
zu überprüfen. Auch wenn das in der akuten Phase nur bedingt
möglich ist, können Sie Ihrem Partner in kleinen Dingen auch
aktuell helfen, sich nicht mit allen Normen gleichzeitig zu "erschlagen".
Die Einsicht, dass es weder möglich noch nötig ist, es
immer und allen recht zu machen, gilt für beide Seiten.
(10) Fremde Hilfe
Ermuntern Sie Ihren Partner, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Haben
Sie auch keine Scheu, damit zu argumentieren, dass Sie Ihre Belastung
oder Verantwortung gern mit jemandem teilen wollen. Weder psychotherapeutische,
noch medikamentöse Hilfe können die Depression oder Manie auf
einen Schlag beseitigen. Doch kann die Last für alle Beteiligten
weniger werden. Suizidgedanken sind ernst zu nehmen und können ein
Anlass sein, auf fremde Hilfe zu bestehen.
(11) Fehlerfreundlichkeit
Jeder kennt depressive und in Ansätzen auch manische Zeiten. Als
Angehöriger sind Sie besonderen Belastungen ausgesetzt, die depressiv
machen können, umso mehr, wenn Sie sich in allzu „manische”
Betriebsamkeit stürzen. Auch Sie sind „nur” ein Mensch.
Ihre Kräfte sind begrenzt. Und das darf Ihr Partner auch wissen;
er spürt es sowieso. Sie werden manches Mal aus Erschöpfung
und im Ärger anders reagieren, als Sie es sich vorgenommen haben.
Mit Sicherheit machen Sie „Fehler”. Manisch-depressive Menschen
brauchen – wie jeder – authentische menschliche Begegnung.
Diese umfassen Schwächen und Fehler. Wenn Sie dazu
offen stehen, bleiben Ihrem Partner einige Schuldgefühle erspart.
(Quelle: T. Bock, Achterbahn der Gefühle, Balance – Buch und Medien Verlag)
